Heute ist Welt-Autismus-Tag.
Für mich ist das kein symbolischer Termin.
Es ist ein Anlass, Dinge einzuordnen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben.
Vor einem Jahr habe ich an diesem Tag geschrieben: Sichtbar. Verbunden. Selbstbestimmt.
Inzwischen hat sich viel verändert – nicht äußerlich, aber in der Art, wie ich über meine Bedürfnisse spreche. Und wie ich sie priorisiere.
In den letzten Monaten war es hier ruhig.
Nicht, weil nichts passiert ist.
Sondern, weil mir die Kraft gefehlt hat, das, was da ist, so aufzuschreiben, wie es mir wichtig ist.
Ich habe nicht aufgehört zu denken.
Ich habe nicht aufgehört wahrzunehmen.
Und ich habe auch nicht aufgehört zu schreiben.
Aber ich habe das Geschriebene immer wieder verworfen.
Zu viele Details.
Zu viele Zusammenhänge.
Zu viele Ebenen gleichzeitig.
Ich konnte nicht vereinfachen, ohne das Gefühl zu haben, etwas Wesentliches wegzulassen.
Erschöpfung, die nicht sichtbar ist
Die letzten Monate waren geprägt von einer Erschöpfung, die man von außen kaum erkennt.
Ich funktioniere.
Ich nehme Termine wahr.
Ich arbeite.
Ich engagiere mich.
Aber das hat eine Kehrseite.
Energie ist nicht unbegrenzt verfügbar.
Es gab Termine, die ich wahrgenommen habe, obwohl es mich bereits im Vorfeld viel Kraft gekostet hat.
Und genau das hatte oft zur Folge, dass danach kaum noch etwas möglich war und ich später vor Erschöpfung innerlich zusammengebrochen bin.
Das habe ich über Jahre gelernt zu verstecken.
Verantwortung und Fokus
Ich engagiere mich bewusst.
- In der Kommunalpolitik (als sachkundiger Bürger).
- In der Selbsthilfe.
- Als Bundesvorsitzender des ADHS & Autismus Bundesverbands.
- In Strukturen, die besser werden müssen.
Das ist mir wichtig.
Und gleichzeitig bedeutet das:
- Verantwortung
- Vorbereitung
- Detailarbeit
- Entscheidungen
Und genau diese Aufgaben verdrängen oft alles andere.
Auch Dinge, die ich eigentlich gerne mache.
Muster erkennen braucht Zeit
Für mich spielt Mustererkennung eine zentrale Rolle.
- Zusammenhänge erkennen.
- Strukturen verstehen.
- Abläufe einordnen.
Das passiert nicht sofort.
Routinen brauchen Zeit.
Und genau diese Zeit ist oft nicht vorhanden.
Alles hängt zusammen
Ich kann Dinge nicht isoliert betrachten.
Ich brauche das Gesamtbild.
Ich brauche die Details.
Und ich brauche die Zusammenhänge.
Jedes Detail steht für mich im Zusammenhang.
Das ist eine Stärke.
Und gleichzeitig eine Belastung.
Wenn alles gleichzeitig läuft
Ein Treffen bedeutet:
- Planung
- Vorbereitung
- Energie aufbauen
- Reize aushalten
- Gespräche führen
- präsent sein
Und das alles gleichzeitig.
Im Zusammenhang mit anderen Aufgaben, von denen ich nicht einfach abschalten kann.
Es ist ein Nebeneinander von Anforderungen.
Wahrnehmung und Orientierung
In bestimmten Situationen erkenne ich Menschen nicht sofort.
Nicht, weil sie mir egal sind.
Sondern, weil die Umgebung zu viel ist.
Wenn ich einen Raum betrete, kann es passieren, dass ich Personen übersehe.
Licht, Geräusche, Gerüche und Bewegung wirken gleichzeitig.
Sie werden nicht ausgeblendet.
Sie sind alle gleichzeitig da.
Und genau das erschwert Orientierung.
Wenn Termine nicht gehen
Es gab Termine, die ich absagen musste.
Nicht nur wegen eines Infekts.
Oft war dieser nur das, was sichtbar wurde.
Dahinter stand Überlastung.
Ein Meltdown ist keine Entscheidung.
Er ist ein Zustand, in dem Regulation nicht mehr möglich ist.
Wenn Sprache wegbricht
Ein Meltdown kann in Mutismus übergehen.
Dann ist Sprache nicht mehr verfügbar.
Nicht, weil ich nichts sagen will.
Sondern, weil es nicht mehr geht.
Von außen wirkt es ruhig.
Von innen ist es Überlastung.
Autismus und Umwelt
Autismus ist nicht losgelöst von der Umwelt.
Er entsteht im Zusammenspiel mit ihr.
Umwelt ist mehr als Natur.
Auch:
- Geräusche
- Licht
- Räume
- Kommunikation
- Erwartungen
Für viele ist das selbstverständlich.
Für andere ist es eine Belastung.
Abschluss
Ich schreibe das nicht, um alles zu erklären.
Sondern, um Einblicke zu geben.
Ich werde die Lücke nicht aufarbeiten.
Ich fange einfach wieder an.
Hier.